Rezension: Jack Cooke – The End of the Road

Friedhöfe sind Orte der Ruhe und Andacht – denkt man zumindest. Aber Friedhöfe rücken jetzt – mitten in der Pandemie – noch viel weiter in den Mittelpunkt. Der Tourismus entdeckt den Friedhof als Sehenswürdigkeit. Taphophilia, die Lust, Friedhöfe zum reinen Vergnügen zu besuchen, ist kein neues Phänomen. Kommen dann Friedhöfe in Großbritannien und eine Reisebeschreibung zusammen, lesen wir Jack Cookes neuestes Buch „The End of the Road“.*

Berühmte Gräber als Pilgerstätten

Das Pilgern zu den Gräbern berühmter Leute gibt es nicht erst seit Elvis Presley oder Jim Morrison. Schon seit dem 12. Jahrhundert sind beispielsweise Wallfahrten zum Grab Olav des Heiligen von Nidaros überliefert. Was früher aber vor allem Glaubensritus war, ist heute einer weltlicheren Sicht gewichen. Friedhöfe und Tourismus schließen sich nicht mehr aus. Im Gegenteil, sie ergänzen sich immer mehr: So entwickelte ein Ingenieur eine App, die als Orientierung für Friedhofstourist*innen dienen soll. Der erste Friedhof, der hier erfasst wurde, ist der Melatenfriedhof in Köln.

Aber auch viele andere Friedhöfe in Deutschland haben das Potenzial erkannt und weisen ihre bekannten Gräber immer häufiger aus. Für mehr Beschäftigung mit dem Thema Friedhof und Trauer wirbt auch der Tag des Friedhofes am dritten Samstag im September. Ein Gang selbst auf den kleinsten Bezirksfriedhof lohnt sich – allein, um die Natur zu beobachten.

Friedhofstourist im Leichenwagen

Nur mit einem Tagesausflug auf den Friedhof gibt sich Schriftsteller Jack Cooke nicht zufrieden. Er kauft sich lieber einen alten Leichenwagen, der ihm auch als Schlafmöglichkeit dient, und macht sich auf den Weg, interessante Gräber in ganz Großbritannien zu besichtigen. Das Ganze hält er in seinem Reisebericht „The End of the Road“ fest.

Buddhistische Gräber auf einem Friedhof in Onomichi, Japan
Buddhistischer Friedhof in Onomichi, Japan – aus meinem Bestand an Friedhofsbesichtigungen

Seine Reise führt ihn durch ganz Großbritannien und zu den verschiedensten Gräbern. Allerdings geht es hier gar nicht so sehr um die Gräber berühmter Menschen, sondern viel eher um denkwürdige Begräbnisstätten. Dazu gehören ein Friedhof auf einer abgelegenen Insel in einem schottischen Loch genauso wie ein Sarg in den Dachsparren einer Scheune. Jack Cooke erzählt die Geschichten hinter diesen Gräbern in einer leichten und unterhaltsamen Sprache, die sich nicht nur für die Taphophilen unter uns eignet.

Die Evolution der Begräbniskultur

Interessant ist „The End of the Road“ auch deshalb, weil wir hier einiges lernen können über die Art, wie wir bestatten. Jack Cookes Auswahl reicht von Hügelgräbern bis zu den ultramodernen Nischen im Krematorium. Leute unter die Erde zu bringen, ist ein knallhartes Business seit Jahrhunderten. Eine der für mich beeindruckendsten Institutionen und Zeugnis dafür ist ist die London Necropolis Railway. 1854 eröffnet verband sie Central London mit dem Brookwood Cemetry – dem größten Friedhof der Welt. Die Züge transportierten die Trauernden und die Särge der Verstorbenen – aber natürlich nach Religion und Klasse getrennt, denn im England dieser Zeit muss auch nach dem Ableben alles seine Ordnung haben.

The End of the Road – Friedhof und Landschaftsgeografie

Neben all den Fakten und Geschichten rund um die Gräber, die Jack Cooke besucht, besticht das Buch durch die Beschreibung der Geografie. Schließlich bleibt es ein Reisebericht, insofern ist die Landschaft, in der sich der Autor bewegt, ein wichtiges Element des Ganzen. Ähnlich wie bei Edward Parnells „Ghost Country“, verwebt Jack Cooke die britischen Landschaften mit seinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. Beim Lesen entstand so bei mir ein Fernweh – eine Sehnsucht nach diesen Landschaften und nach den Britischen Inseln generell. Hoffen wir, dass das Reisen – auch für uns Taphophile – bald wieder möglich ist. Und bis dahin: Lesen!

*Vielen Dank an netgalley.co.uk und den Verlag für ein kostenfreies Rezensionsexemplar. Ich durfe das Buch vor Erscheinen lesen. Diese Rezension spiegelt ausschließlich meine eigene Meinung und wurde nicht bezahlt.


Links

Website des Autors
Das Buch beim Verlag HarperCollins.co.uk

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