Rezension: For the Blood is the Life – F. Marion Crawford

via goodreads.com

Vampire treiben nicht nur in Transsilvanien und England ihr Unwesen. Auch in Italien gibt es sie. „For the Blood is the Life“ (1905) von Francis Marion Crawford spinnt eine tragische Liebesgeschichte in Südkalabrien. Zwei Männer sitzen auf einem Balkon im Licht der untergehenden Sonne und schauen hinaus auf die Landschaft. Der eine bemerkt einen seltsamen Hügel, der ihn an ein Grab erinnert. Und nicht nur das: Im Mondlicht scheint es ihm, als läge dort ein Mensch auf dem Hügel. Sein Freund, ein skandinavischer Maler, bestätigt diese Vermutung und erzählt ihm die Geschichte dahinter.

Liebe und Mord

Der junge Angelo, gutaussehend und aufrecht, will ein Mädchen aus dem Dorf heiraten. Aufgrund seiner guten Arbeit und des Erbes, dass er nach dem Tod des Vaters antreten kann, stehen die Chancen gut. Was er nicht weiß: Cristina ist auch in ihn verliebt und verwehrt sich deshalb den Avancen des Schäfers Maratea. Doch Angelo wird beraubt und Cristina – die die Räuber überrascht – brutal ermordet und in eine Schlucht geworfen. Maratea beerdigt sie dort. Aber angetrieben durch ihre Liebe zu Angelo kehrt Cristina als vampirischer Geist wieder zurück. Als Angelo nachts durch die Gegend irrt und verzweifelt, weil mit seinem Erbe auch seine Hochzeitsaussichten zunichte gemacht wurden, begegnet er Cristina und verfällt ihrem Charme.

Cristina – Die Vampirin als Bedrohung

Ähnlich wie ihre Vampirkollegin Carmilla sind auch Cristinas Motive für ihre Rückkehr als geisterhafte Vampirin in ihren persönlichen Absichten begründet. Ihre Liebe zu Angelo, bisher unerwidert, treibt sie dazu, aus dem Grab zurückzukehren und sich auf die Suche nach ihm zu machen. Schon bald trifft sie ihn und hat Erfolg: Er geht mit ihr hinunter in die Schlucht zu ihrem Grab und sie trinkt von ihm.

It was the eyes that grew dim. Little by little he came to know that someday the dream would not end when he turned away to go home, but would lead him down the gorge out of which the vision rose. She was nearer now when she beckoned to him. Her cheeks were not livid like those of the dead, but pale with starvation, with the furious and unappeased physical hunger of her eyes that devoured him. They feasted on his soul and cast a spell over him, and at last they were close to his own and held him.

Francis Marion Crawford – For the blood is the life

Angelo folgt Cristina jedoch nicht freiwillig und voller Liebe. Er hält sie zunächst für einen Traum oder eine Wahnvorstellung, hervorgerufen durch seine plötzliche Armut. Aber schon bald erkennt er, dass sie wirklich dort ist – und tot. Aber ihr „roter Mund“ und der „ungestillte Hunger“ locken ihn zu ihr, er kann sich nicht länger wehren. Aus der Frau Cristina ist das Monster geworden, das seine Triebe voll auslebt – allen voran natürlich die Sexualität in der Vereinigung mit dem geliebten Mann.

Was bei Carmilla noch für die Männerwelt weniger bedrohlich war, weil sie nur weibliche Opfer wählt, ist nun bei Cristina eingetreten: Die sexuell aktive Frau als Bedrohung. Crawford bedient damit natürlich absolut das Frauenbild seiner Zeit. „The mortal deaths, the undead rebirths, and the subsequent traumatic deaths of female vampires are a violent reaction to the transgressive sexual behavior they exhibit“, schreibt Mariana Fangundes in ihrer Dissertation Staked Twice: The Violent Deaths of Female Vampires in Bram Stoker’s „Dracula“ and F. Marion Crawford’s „For The Blood is the Life“. Mit ihrer Verwandlung zur Vampirin ist Cristina aus der Gesellschaft des Dorfes ausgeschlossen. Und gleichzeitig ist dieser Ausschluss nun auch eine Erlösung, macht er es doch möglich, das bisher unterdrückte Verlangen auszuleben.

Crawford bedient mit seiner Figur der Cristina die moralischen Vorstellungen seiner Zeit. Das Viktorianische Zeitalter kennt für Frauen nur die Rolle als moralisch einwandfreie und sittliche Hausfrau und Mutter. Sexualität betrifft Frauen nicht, zeigt sie sich doch, dann nur bei jenen Frauen, die von der Gesellschaft ausgestoßen sind: Prostituierte, Bettlerinnen. Indem Cristina eine Vampirin wird, wird auch ihre sexuelle Identität monströs und verabscheuungswürdig. Verdoppelt wird dieser Effekt noch einmal durch die Rahmengeschichte: Der eine erzählt dem anderen aus einer distanzierten Position von dieser Geschichte und entfernen sich moralisch ebenso von ihrem Inhalt.

Im Süden auch nichts Neues

Abgesehen von der italienischen Landschaft bietet Crawfords Story also keine Innovationen im Genre. Die weibliche Wiedergängerin, die Tötung des geliebten Mannes – all das haben wir bei anderen Vampirinnen vorher ebenfalls schon gesehen. Das Setting aber ist es, was „For the Blood is the Life“ dann zu einer kurzweiligen Lektüre macht. Die Hitze und die Landschaft Italiens finden sich zwischen den Zeilen und geben der Geschichte noch einmal eine leichte Exotik, die weit weg ist von der Gemütlichkeit der Steiermark und den dunklen Gassen Londons.


Links

Francis Marion Crawford: For the Blood is the Life (Englischer Gesamttext)
Hintergründe bei „Story of the Week“
Über den Autor: Tellers of Weird Tales: Francis Marion Crawford

Mariana Fagundes de Freitas (2011): Staked Twice: The Violent Deaths of Female Vampires in Bram Stoker’s Dracula and F. Marion Crawford’s „For the Blood is the Life“. Universidade Federal de Gerais.

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