Chill Tidings: Dark Tales of the Christmas Season 🇩🇪

PĂĽnktlich zu Weihnachten hatte ich mir bei der British Library neben Evil Roots: Killer Tales of the Botanical Gothic – Daisy Butcher (Hrg.) auch noch ein paar weitere Bände aus der Reihe der Weird Tales bestellt, unter anderem „Chill Tidings: Dark Tales of the Christmas Season.“ Auch hier sind wieder unter einem Thema mehrere Kurzgeschichten versammelt – dieses Mal dreht sich alles um geisterhafte Erscheinungen rund um Weihnachten, eine Kombination, die gerade im England des Viktorianischen Zeitalters sehr ĂĽblich war.

Der berühmteste Vertreter dieser Tradition ist sicher Charles Dickens mit seiner Weihnachtsgeschichte um Mr. Scrooge. Dieser wird in der Nacht vor Weihnachten von mehreren Geistern heimgesucht und durch diese Erfahrungen geläutert. Er erwacht am Weihnachtsmorgen als neuer Mensch.

Junge Frau mit einem Buch bei Kerzenschein - sie schaut sich erschrocken nach einem Geist um.
Quelle: wikimedia commons

Viktorianisches Weihnachten

Dass Weihnachten nicht immer nur das Fest der Liebe und des Lichts war, zeigt ein Blick in die Geschichte englischer Weihnachtstraditionen. Bei der BBC findet sich dazu ein spannender Artikel. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein feierte man Weihnachten in England so gut wie gar nicht. Der Weihnachtsbrauch, wie er heute existiert kam aus Deutschland. Hier feierte man seit der Biedermeierzeit ein häusliches Weihnachtsfest mit Baum und Geschenken am Weihnachtstag. Nicht unschuldig an der weiteren Popularisierung ist Prince Albert, Ehemann der englischen Königin Victoria – und ein Deutscher. Die beiden fĂĽhrten im Palast diverse Weihnachtsbräuche ein, die auch schnell bei der Bevölkerung Anklang fanden.

Geistergeschichten am Weihnachtsabend

Aber woher kommt nun der Brauch, sich am Weihnachtsabend gegenseitig mit Geistergeschichten zu unterhalten? Das Smithsonian Magazine schreibt dazu:

Thus, the Christmas ghost story. Its origins have little to do with the kind of commercial Christmas we’ve celebrated since the Victorian age. They’re about darker, older, more fundamental things: winter, death, rebirth, and the rapt connection between a teller and his or her audience. But they’re packaged in the cozy trappings of the holiday.

Smithsonian Magazine – Why Do People Tell Ghost Stories On Christmas?

In einer Zeit, in der Elektrizität noch nicht vorhanden war und die Straßen unbeleuchtet, ist der Winter noch von einer anderen Qualität. Die Dunkelheit ist allgegenwärtig und sie dauert einige Monate. Mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember geht die längste Nacht des Jahres einher – eine Nacht, in der die Geister der Verstorbenen sehr viel Zeit haben, zurückzukehren. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn die Menschen an diesem Abend zusammenkommen und sich gegenseitig Geistergeschichten erzählen. Mit der Zeit fielen Jul und Weihnachten zusammen. Die Geistergeschichten blieben in England eine Tradition, die sich bis heute in kleinem Maßstab fortsetzt.

Quelle: Three Lions / Getty Images

Aber nicht nur in England finden wir diese Tradition des Schauergeschichten-Erzählens. Auch in Schottland, in Wales und selbst in den Island-Sagas gibt es Begegnungen mit Geistern und übernatürlichen Wesen um diese Feiertage. Auf dem Blog von Jon Kaneko-James – Autor und Forscher – gibt es dazu einen interessanten Artikel.

Chill Tidings: Anthologie des weihnachtlichen Grauens

Nun aber zurĂĽck zur Anthologie der British Library. Die Buchreihe hat sich das Ziel gesetzt, bekannte und unbekannte Geschichten zu verschiedenen Themen herauszubringen – alle unter der Prämisse des Schauers oder des ĂśbernatĂĽrlichen. „Chill Tidings: Dark Tales of the Christmas Season“, zusammengestellt von Tanya Kirk (Lead Curator / Printed Heritage Collections 1601–1900) ist schon der zweite Band von Geschichten, die sich um Weihnachten drehen.

Quelle: goodreads.com

Wie auch bei den anderen Ausgaben der Serie stammen die Geschichten aus einem groĂźen Zeitraum. Die älteste – „A Strange Christmas Game“ von Charlotte Ridell – stammt aus dem Jahr 1868, die neueste von 1955. Viele erscheinen uns heute nicht mehr so gruselig wie zu der Zeit, als sie entstanden. Nachts im Dunkeln nur bei Kerzenschein einem Geist zu begegnen und darĂĽber tot umzufallen, ist heute kaum denkbar. Zu sehr erhellen wir inzwischen mit Elektrizität unsere Umwelt. Trotzdem haben die Geschichten einen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Sie sind unterhaltsam, selbst dann, wenn vorhersehbar ist, was passieren wird.

Von A Christmas Carol zu H.P. Lovecraft

Enthalten ist beispielsweise auch eine Geschichte, die durchaus an Dickens erinnert – darin, dass sie christliche Werte vermittelt wie Nächstenliebe und GroĂźzĂĽgigkeit. „Old Applejoy’s Ghost“ von Frank R. Stockton beginnt damit, dass sich der Geist von Mr. Applejoy auf den Dachboden des Landhauses zurĂĽckgezogen hat, damit er die Menschen im Haus und auf dem Land drumherum nicht mehr so erschreckt bei seinen Spaziergängen. Seine Nachfahren kĂĽmmern sich um die Ländereien, aber sie halten nicht viel von Weihnachten. Dann aber kommt Bertha ins Haus und schon bald begegnen sich die beiden, um ein Weihnachtsfest auszurichten, wie es sein sollte. NatĂĽrlich gilt es auch noch einen potenziellen Ehemann fĂĽr Bertha zu beeindrucken.

Das genaue Gegenteil, wenn es um den Gruselfaktor geht, ist die Kurzgeschichte „The Festival“ von H.P. Lovecraft. Ein namenloser Erzähler besucht darin die Stadt Kingsport, die seltsam auf ihn erscheint. Auch ihre Einwohner scheinen keine normalen Menschen zu sein. In der Nacht wird er unter die Kirche in eine Gruft geleitet und dort Zeuge eines seltsamen Rituals, dass ihn fast Verstand und Leben kostet (natĂĽrlich taucht auch das Necronomicon nebenbei auf). Wer Lovecraft kennt, weiĂź, dass er es schafft auf sehr wenig Raum mit präzisen Worten einen Horror zu erschaffen, der wirklich unter die Haut kriechen kann.

Lesevergnügen zur längsten Nacht

Egal, ob ihr Weihnachten traditionell im Kreis der Familie feiert, allein, mit Freunden oder gar nicht: Diese kleine Anthologie kann ich als LektĂĽre zum Lesen oder sogar Vorlesen dazu empfehlen. Die Geschichten sind kurz genug, um sie zwischen Hauptgang und Dessert zu lesen oder aber zu später Stunde im Dunkeln. Die Tradition, sich gegenseitig zu Weihnachten Geistergeschichten zu erzählen, sollte erhalten bleiben – oder im Kontext des 21. Jahrhunderts neu erfunden werden. „Chill Tidings“ ist da ein gelungener Einstieg und Inspiration aus vergangenen Zeiten.

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